PHYSICAL POETRY

Gehen – ein Längsschnitt

Schlingend gähnt sich Furche um Weg, leuchtend im Nichts und verborgen in dem Rest, der verweilt. Ein Schritt, der sich vorwärts will. Ein Fußende, das zum Neuanfang wird: Längenmaß einer Zeit.
Gezähltes bricht sich entgegen der Bewegung: wer beobachtet, geht schon nicht mehr. Wann aber wird es doch wieder zu dem sanften Fließen, das so eigentlich aus dem ersten Atmen kommt. Es ist das Bewegte, das nicht abbricht und pochend drängt. Und da ist sie, die erste Unterbrechung, das erste Halten, Fingerzeig einer Ahnung. Du streichst empor, verirrst Dich im Tritt, und wähnst nur noch den Kontakt zum Boden. Ein Unten will rufen, eine Waagerechte andeuten, sicher sein. Doch da sinkt es im Senkrechten, ist Schaukeln ins Vorn. Eine fußläufige Bewegung also, ein Druckpunkt, Austarieren der Vielheit. Ich gebe Gewicht ab in ein Räkeln, das aus den Fasern des Morgens widerhallt. Sich ausdrehend liefere ich mir selbst das Initial, das kantig verharrt und widerständig seiner Gestalt nachgeht. Sachgerecht, formlos, verbindlich.

Bildhaft verzerrt sich ein Wesenszug in der Bewegung, die dem Moment entweicht. Windgleich, wärmer noch, zieht etwas dem Kern entgegen und krümmt ein letztes Mal das Haupt. Endend fahre ich das Du meiner Kanten entlang, und verirre mich im Tanz, der meinen Fingern entspringt. Kein Schritt im Gehen, kein Fortkommen. Wiederkehr bahnt sich selbst. So löst sich ein Schwingen von Oben her, ein sanftes Schaukeln in den Ähren, die gestern noch geschlossen waren: Wachsen, um zu verblühen. Ein strebsames Reifen aus dem spiralförmigen Ganzen spricht leis, wenn es ahnt. Und erst das Verlangen gibt schließlich Form in der Dehnung des Verwachsenen. Ein Mehr, das schon veranlagt ist.

Dem Austritt bleibt keine Richtung, wenn er morgens warnend mit dem Nebel entgleist. Sphärischer Dunst nur noch, da verhallt das Rufen und bettet die strengen Worte ein in das Netz aus Wassertropfen, die sich an dem kalten Stein von gestern kondensieren. Ein Schritt nun. Trittflächen auslotend leuchtet der Impuls durch den sehnigen Zusammenhalt. Das Webschiffchen in der Hand fahre ich durch die Stränge hindurch und sinne dem Rhythmus nach. Es festigt sich die Netzstruktur einer Bewegung in der leuchtenden Faltung zur Kenntlichkeit hin. Es gibt kein Verklingen – nur ein Tönen ists, das der Stille eigentlich ist. Das organische Zusammenziehen drängt sich seinem eigenen Grenzpunkt entgegen, um Wendung und Atmen zu durchdringen, wenn die Schwingung bricht. Organisierendes und entropisches Wechselspiel im Ganzen wirkt sich so an der Reibungskraft des Bewegten: ein bloßes Organigramm wesenhafter Versuchsanordnungen.

Als Verwandtschaftssystem wird meine Außenform kundig in der sich stetig erneuernden Verbindungslinie aus Kontakt und Impuls, die abstoßend verhältnishaft zueinander Bezug nehmen. Der Boden als ewiger Partner meiner somatischen Umrisse bleibt selbst in Veränderung begriffen und wird Landungszone verdichteter Massenverhältnisse. Er ist Aufnahme, Ausrichtung und Leitbild als Gründungsform des Senkrechten. Ein Kreisel selbst, mich austarierend, schwanke ich der Mitte zu, winde mich empor zu dem seismographischen Pendeln, das sich nur in der Bewegung selbst vertraut macht. Das Berührungsmoment als Sensation; Sinnesvereinigung des Gewordenen in ihrer Erwartung des Kommenden, Hoffnung auf ein wachsendes Weiter, das nicht endet. So also entlastet die Fußsohle sich schließlich auf dem ruhenden Letzten, vollführt die einrollende Bewegung, die dem Gewölbebogen ursprünglich ist. Der Aufrichtung als Endpunkt einer Verhältnishaftigkeit geltend widerklingt der Richtungsimpuls im sensorischen Raum. Ein weiteres Intervall klanglicher Anordnungen, das sich als improvisatorische Folge ereignet. Und währenddessen der ewige Wunsch, eine Notation zu vollführen, Wiederholbarkeiten zu definieren; Anmaßungen an das Maßvolle.

Als Stoff wallt sich die Ahnung eines Kontaktes durch die Geschichtlichkeit der Linie, die hinter mir liegt. Kahn im Meer, ein sich verendendes Kielwasser, das den Weg beschreibt. Ich spüre mich anbranden und erneut verformen, nie Form gewesen, immer im Rand geboren als sich entgrenzendes Summen. Die Atemkehre wirbelt sich als Rückschau in das Wasser hinein und waltet rhythmisch ihrer Wiederkunft. Und doch, da wird etwas Zukunft, will Lesbarkeit nach Hinten weg, birgt sich sein Jetzt. Und weiter bleibt nur der Kontaktpunkt eines wartenden Gegenstandes, der sich Ich heißt. Gegenwart also, stehend und gleißend in dem Absoluten, das ihr innig ist: ein flüchtiges Wesen, Kommen und Vergehen im selben Grunde.
Serpentinenhaft entgegen der Steigung wächst ein Weg empor. Eine knorrige Erzählung der Dinge, die einmal waren und die sich nur langsam schleifen. Dem Wind preisgegeben verwindet der Berghang die Schrittfolge entlang seines Lots, das in seiner Mitte pendelnd dem Kommenden zuruft.  Schicht um Schicht schält die Wiese ihre Oberfläche in das Geröll hinein, dem Berg gänzlich entblättert. Mit dem Übertritt verstummt der menschliche Abdruck und waltet wabernd in die weite Stille. Ich spreche leise, wenn das Gestein einzeln bleibt. Ich senke mich hinein in die kühlende Masse und berühre das Bewegte in mir, das dankt. Eine Demut, die der Weite mitfließt, und mich im Tag vorüberträgt: Preisgegeben der eigenen Größe, ins Verhältnis gesetzt und berührbar von Licht und Wehen.

Als Muster zerfällt von Oben die Kluft und vergisst meiner Bewegung. Eingängig, als Leitbild eines Beginns. Ich pflücke mich selbst in der Spur, die ich aus den Kieseln auflese und beiseiteschiebe. Dem Wetter hingegeben schwankt nur der Atem noch, wenn er weiterzieht. Schritthaft lenkt mich die Ruhe, die dem Gang inniglich ist. Wiederkehrend, routiniert, ausbrechend. Die Weite kratzt an meiner wundenden Hautgrenze empor, wird drängendes Gegenüber. Ergeben lehnt sich etwas an in mir, birgt sich in das Gelassene. Einem gespaltenen Holz gleich fasert die Struktur offen und verläuft in ihrem Längsschnitt. Eine ewige Linie, die abreißt.
Ich spüre mich einverstanden vergehen, einer Herde gleich: Ein Kontaktnetz aus fernen Bildern, die mir buchstabiert werden und an meiner Außenlinie ihren Wendepunkt finden. Im Gemeinsamen getrieben, ewig zum Ankerpunkt verloren, und schließlich ein Aufwachen, das aus einem Kältereiz erwächst.
Im verholzten Wesenszug, der sich seiner Weite erinnert, streiche ich bedächtig über das leise Ende. Eindimensionalität aller Ebenen, ein wankender Halm in weiter Flur. Hier wähnt keines der Gedankenlieder mehr einen Ton zu vollenden, der gestern noch auf den Lippen lag, und verklingend nur gerinnt die Melodie mit dem Antlitz, das ich vergessen werde. Es bleibt eine wolkenverhangene Regung, die aus einer langen Falte emporschießt und sich selbst in die Kälte blößt. Und schließlich rührt sich etwas.

In dieser Nische schimmert ein Vergessen empor, das rau an meiner Wange entlangschürft. Verborgenes Reißen einer Linie und zählend bis zum Letzten. Das Summen nun wieder, innen liegend und kein Anfang mehr. Es surrt in einem Zwischen rindengleich dem Jetzt entgegen, tastet und prüft. Antwortet. Vielstimmig tönt es in einer polyphonen Mär, die sich nach Außen wirkt. Gesträubt und leise entwirrt klopft es seinen ewigen Zyklus. Dem Labyrinth der Hautstrukturen entgleist verwahre ich den Atem des Neuen in der Erinnerung. Fortbewegt, orthaft und entlassen: kenntlich im Jetzt. Abschied nehmend weilt das Dunkel seinem Ausgang. Wachsende Fasern treiben sich noch.

Ein Weg, gegangen aus seinem Ursprung, verlässt lautlos seine Spur. Eine gewundene Strecke des Erzählten walkt neu gestützt in das brandende Geröll hinein. Mein Pfad führt mich durch das Gewachsene, reiht mich ein in das Band, das sich selbst zu weben vermag. Sich abwechselnde Farbspiele entzweien sich auf ein erneutes Wandeln hin und begleiten die Schritte, die ich zäh aus der Masse emporschreite. Verwandt singen sie mir federngleich ihre steinerne Antwort. Bloß verhältnishaft neige ich den Kopf, ziehe meinen Schatten über mich hinweg. Geschält strebt der rohe Kern dem Grat entgegen. Und hier nun wird es still. Die Wiesen grünen sich die Hänge hinauf, und dem letzten Baum bläut der Himmel seine Weite. Schale an Schale reiben wir uns in der Zeit. Sandige Fingerkuppen, grau geworden und mit verhärteten Enden, tasten aneinander als grenzende Linien des Einschnitts, der uns birgt, verschlingt und wieder preisgibt. Längst ist der Einschlag des Rhythmischen wiedergekäut.
Erneut das Summen. Es dringt aus dem Schritt heraus und windet sich, bevor es in sein Pendeln übergeht. Ein Beginn, streckendes Weiten und Aufbruch, verdächtig einer ewigen Ausdehnung in der schwingenden Folge. Doch nun der Einhalt, die Vibration einer Atemlosigkeit und ein schaukelndes Wider, das regungslos seinen Umkehrpunkt kenntlich macht. Ein Antwortspiel als verwandte Vermessung unserer Distanz: ein Anstieg nur.


Walking dissecting (Translation by Shannon Sullivan)

That which is counted breaks against the movement. Who observes is no longer walking.

You streak upwards, get lost in the steps, only imagine contact with the ground. Below is calling out to you, an indication of a horizontal line, of being safe. Sinking into the vertical. An oscillation forwards.

Organic contraction compacts, saturates, permeates. Twisting and breathing. The vibration cracks.

I feel myself ebbing and flowing, deforming once again. I was never form. Emerging on the edge, a dissolving hum.

Crossing over the human footprint falls mute, wafts into the vast silence.

Exposed, put into relation. Surrendering to light and air.

I gather myself in the trail that I glean from the pebbles and push aside.

Like split wood the structure discloses fibers running longitudinally. An eternal line that tears.

A path, carved from its origin, soundlessly leaves its tracks.

Silence envelops.